- Beleglage:Leitlinie
- Status:In Deutschland zugelassen
Analyse
Die Krankheit, die Männer nicht zum Arzt bringt
In Kliniken werden zwei- bis fünfmal so viele Frauen mit Hidradenitis suppurativa gezählt wie Männer. In der Bevölkerung sind es gleich viele. Diese Lücke ist die eigentliche Geschichte.
Quellenlage geprüft am 24. August 2026.
Es gibt in der aktuellen deutschen Leitlinie zur Hidradenitis suppurativa einen Absatz, der sich wie eine Fußnote liest und keine ist.
Zwei Zahlen, die nicht zusammenpassen
Die S2k-Leitlinie schreibt:
Frauen sollen häufiger betroffen sein, die Männer-Frauen-Ratio bei Krankenhausstudien und nach dem Rücklauf von Befragungsformularen beträgt 1:2 bis 1:5.
Und im selben Absatz:
Allerdings berichten die einzigen — bisher durchgeführten — prospektiven Populationsstudien aus Dänemark (793 randomisiert untersuchte Individuen) und Deutschland (20.112 Menschen) über eine ausgeglichene Prävalenz 1:1.
Wer Menschen in der Bevölkerung untersucht, findet Männer und Frauen gleich oft. Wer in Kliniken zählt, findet zwei- bis fünfmal so viele Frauen.
Was das heißen kann
Es gibt zwei Erklärungen. Entweder erkranken Männer tatsächlich seltener und die Bevölkerungsstudien irren. Oder Männer erkranken gleich häufig und kommen seltener an.
Für die zweite Lesart spricht eine weitere Beobachtung der Leitlinie: Bei der perianalen Form — also am Gesäß und rund um den After — scheint der Anteil der Männer zu überwiegen. Ausgerechnet dort, wo der Gang zum Arzt am meisten Überwindung kostet.
Was verpasst wird
Hidradenitis suppurativa ist keine Bagatelle, die man aussitzt. Die Leitlinie beziffert die Belastung über den Dermatologischen Lebensqualitäts-Index:
| Hurley-Grad | DLQI |
|---|---|
| I | 5,8 ± 4,6 |
| II | 13,1 ± 6,4 |
| III | 20,4 ± 6,7 |
Diese Werte lagen signifikant höher als bei mittelschwerer bis schwerer Psoriasis. Über Schuppenflechte gibt es Aufklärungskampagnen. Über diese Erkrankung nicht.
Warum die Zeit gegen einen arbeitet
Der Verlauf ist gerichtet: aus entzündlichen Knoten werden Abszesse, aus Abszessen Tunnel, aus Tunneln Narbenplatten. Und der entscheidende Punkt ist, dass die Stufen nicht rückwärts gehen.
Im Schweregrad-Score IHS4 zählt ein entzündlicher Knoten 1 Punkt, ein Abszess 2, ein drainierender Tunnel 4. Die Leitlinie führt drei Beispielbefunde an: ein Knoten ergibt 1 — mild. Zwei Abszesse ergeben 4 — mittelschwer. Ein Tunnel, drei Abszesse und ein Knoten ergeben 11 — schwer.
Entzündungshemmende Behandlungen wirken auf entzündetes Gewebe. Auf zerstörtes wirken sie nicht. Was einmal Tunnel ist, muss operiert werden.
Was in der Leitlinie steht, wenn man rechtzeitig kommt
Bei milder Form: topisches Clindamycin 1 %-Lösung, mit der höchsten Empfehlungsstärke (⇑⇑). Eine Lösung zum Auftragen.
Bei Hurley-Grad I sieht die Leitlinie ausdrücklich keinen Operationsbedarf.
Bei mittelschwerer bis schwerer Form wird es aufwendiger: systemische Antibiotika, Biologika wie Adalimumab, operative Exzision — und ausdrücklich Kombinationen daraus.
Die Rechnung, die niemand gern hört
Die Wunddeckung nach einer Operation entscheidet über die Rückfallquote:
| Versorgung | Rezidivrate |
|---|---|
| Sekundäre Wundheilung (offen) | 12–24 % |
| Primärverschluss (direkt zugenäht) | 39–70 % |
Die offene Heilung dauert Wochen und ist unangenehm. Sie halbiert bis drittelt das Risiko, dass alles von vorn beginnt. Wer operiert wird, sollte fragen, wie die Wunde versorgt wird — und warum.
Der Teil, der bei langem Verlauf dazukommt
Die Leitlinie formuliert zwei Empfehlungen mit der höchsten Stärke:
Chronische HS/AI-Läsionen sollen regelmäßig überwacht werden, insbesondere solche in der Gluteal-, Perianal-, Genital- und Perinealregion.
Bei klinischem Verdacht auf SCC soll eine histologische Abklärung erfolgen.
SCC steht für Plattenepithelkarzinom. In lang bestehenden, immer wieder entzündeten Herden kann Hautkrebs entstehen — chronische Wunden gehören zu den Ursachen, die auch die Hautkrebs-Leitlinie neben der UV-Strahlung nennt.
Was noch dazugehört
Die Leitlinie verlangt bei Erstdiagnose und bei Änderung der Symptomatik ein Screening auf Begleiterkrankungen: Spondyloarthritis bei Rückenschmerzen, chronisch-entzündliche Darmerkrankung bei Bauchbeschwerden oder perianalen Tunneln, und kardiovaskuläre Risikofaktoren — Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, Übergewicht, Fettstoffwechselstörung.
Das ist keine Hauterkrankung mit Hautfolgen. Es ist eine systemische Entzündung, die sich zuerst an der Haut zeigt.
Der Satz, auf den es ankommt
Die Leitlinie empfiehlt bei entsprechendem Bild eine umgehende fachärztliche Verweisung an einen Hautarzt oder eine spezialisierte Hautklinik.
Nicht beim vierten Rezidiv. Beim Verdacht.
Wer seit Jahren wiederkehrende schmerzhafte Knoten in Achsel, Leiste oder Gesäßfalte hat und sie für Furunkel, eingewachsene Haare oder eine Folge des Rasierens hält, sollte wissen: Es gibt dafür einen Namen, eine aktuelle Leitlinie und eine Behandlung, die umso einfacher ist, je früher sie beginnt.